Performance zuhören / Art Festival 48 Stunden Neukölln / Berlin / 2015

with Tabea Gebauer, Katharina Philipp, Barbara Schindler, Jörg Rohrpasser


Inhalt

Vier PerformerInnen gehen jeweils zu zweit auf den gegenüberliegenden Bürgersteigen der Karl-Marx-Straße auf und ab. Sie machen den Menschen, denen sie begegnen, ein Angebot, nämlich jedem, der möchte, zuzuhören. Auf den Kutten, die alle PerformerInnen tragen, steht: „Zuhören. Wir hören dir zu. Dich bewegt etwas? Sag es uns!“
Die Performance zuhören gibt damit einer intimen Geste mitten im Alltag Raum, während die Anonymität des Öffentlichen Raumes für Momente unterbrochen wird und Kontaktaufnahme zu Begegnungen führt. Die Intervention öffnet so reale, wirklichkeitsverändernde Handlungsspielräume.


Ort

Karl-Marx-Straße, Berlin-Neukölln


Zeit

Für 3, 3 und 2 Stunden, sind die PerformerInnen an allen Festivaltagen präsent und starten ihre Tour im 60 Minutentakt vom 48 Std.-Büro aus jeweils von neuem, so dass das Publikum sie immer wieder orten kann.


Rückschau der PerformerInnen

I

-Langsam bewege ich mich mit meiner Partnerin die Straße entlang. – Sichtbar das Angebot zum Zuhören. – Ich bleibe stehen, schaue die Menschen freundlich an. Sie lächeln zurück und versuchen zunächst schnell zu erfassen, was die Aufmachung zu bedeuten hat. Manche sehen erst irritiert, Blicke wandern zwischen dem einladenden Lächeln und dem Lesen, was geschrieben steht.

-Eine Frau bleibt stehen und fragt nach dem Weg zu Kunstorten.

-2 junge Männer, etwas bekifft erzählen von ihrer heutigen Tagesausbeute, 40 € geklaut, fügen hinzu, dass sie anderen nicht geschadet haben und die Läden ja versichert seien. Sie nehmen uns als selbstverständlich wahr und auch das Angebot, ohne zu hinterfragen.

-Ein Mädchen ca. 12 Jahre alt, steigt aus einem Polizeiauto und fängt an zu weinen, wir fragen, ob wir helfen können. Sie fragt nach einem Telefon und fängt an zu erzählen.
Sie sei mit Freunden unterwegs gewesen, in einer Shisha Bar sei sie dann verprügelt worden, weil sie nicht das tun wollte, was die Anführerin von ihr wollte. Wir begleiteten sie zur U-Bahn und hörten ihr zu. Am Ende war sie dankbar, auch war die Angst etwas aus ihrem Gesicht gewichen.

-Eine Dame Ende 60, erzählt von ihrer Sehnsucht, man merkt, dass sie gerne redet und auch, dass sie manchmal einsam ist. Sie hätte gern einen Partner, mit dem sie etwas unternehmen kann.

-Ein junges Paar, sie ist schwanger, wartet auf ein Taxi, weil sie nicht mehr laufen kann. Sie sprechen die Gentrifizierung in Neukölln an. Sie wissen, dass sie auch dazu beitragen, kennen aber auch keine Lösung. In der Zwischenzeit ist das Taxi gekommen, wir gehen weiter.

-Mehrere Leute, vor allem Händler bewegt die Baustelle auf der Karl-Marx-Straße: Wann wird sie verschwinden?

-Zunehmend tauche ich in die Atmosphäre der Straße ein, die Unterschiedlichkeit der Menschen ist krass. Viele junge Leute, die zum Feiern hier sind, ein paar alte mit Hund, sie sind kaum wahrnehmbar. Menschen, die zum Freitagsgebet gehen oder von dort kommen. Arme und scheinbar Reiche – im materiellen Sinne-, wache, offene Menschen, stille und laute Menschen, die sich verschlossen haben.

-Wahrnehmbar sind auch die vielen unterschiedlichen Gerüche, jede Querstraße hat ihren eigenen Geruch. Ein kühler Hauch von Lindenblüten weht an uns vorbei. Manchmal Tageswärme aus den Steinen mit einem Hauch von Unrat und Hundescheisse. Aber es duftet auch nach leckerem Essen und Vanille in der Nähe eines Baklava Standes.
Junge gestylte Frauen duften nach Flieder, sie wollen zu einer der vielen Partys in den ehrwürdigen alten Häusern, zwischen den Shopping Malls kaum wahrnehmbar. Die schnelllebige Veränderung des Kiezes ist sichtbar und spürbar.

-Eine 25 jährige erzählt, dass es so schwierig sei, einen Mann in Berlin kennen zu lernen, der bereit für die Liebe ist. Alle sind so unnahbar, kommt bei mir an. Sie ist enttäuscht. Auf der Suche nach Glück.

-Auf einer unserer letzten Touren bekommen wir Brot und Bier geschenkt, eine Frau rennt uns extra hinterher, um uns das Brot zu geben.

-Viele Menschen finden die Aktion gut, sie bedanken sich für das Angebot. Zeit zu schenken zum Zuhören, das wünschen sich viele. Wenn es dann plötzlich als Angebot auftaucht… Was will und kann ich denn eigentlich erzählen?.. Meine eigene Scham überwinden, durchdringen zum eigentlichen.. zu dem, was wirklich in mir los ist? Wen interessiert das schon? Wer will das wissen? Bleibt es vertraulich? Auch wir gefragt, ob wir die Gespräche aufnehmen.

-Ein dunkelhäutiger Mann ca. 40 Jahre geht vor uns auf und ab. Er überlegt, ob er uns ansprechen soll. Wir bleiben eine Weile dort vor dem türkischen Supermarkt stehen. Dann spricht er uns an. Es erzählt von einer besonderen Gabe, die er als 15-Jähriger bemerkt hat. Er kann Hellsehen. Er kann sehen, wenn Menschen ein Unglück widerfährt, sagt er. So konnte er durch eine Mail den US Präsidenten retten und noch viele andere mehr. Ich hatte den Eindruck, die Gabe ist ihm auch eine Last, macht ihn unfrei mit Menschen in den Kontakt zu gehen.. und doch hat er uns davon erzählt – seltsam.

-Manchmal ist die Straße wie leergefegt, dann plötzlich, wie aus dem nichts, tauchen aus den Eingängen, Torbögen und Nebenstraßen plötzlich 6, 10, 20 Menschen gleichzeitig auf.

-Ein Mann mit einem mit Stickern bespickten Base Cap spricht uns an. Er interessiert sich für Kunst. Zeigt uns einen Kalender vom letzten 48 Stunden Festival. Musik mache er, aber hätte zurzeit keine Band. So Improvisationen, Töne, Klänge mag er sehr. Ob wir ihm da behilflich sein können.

-Eine kleine Gruppe sitzt in einem Restaurant und winkt uns zu. Mehrere Leute schauen in unsere Richtung und der Raum öffnet sich und es verbindet sich was. Auch unter den Gästen gibt es Blickkontakte.

-Kurz darauf kommt die Gruppe an uns vorüber. Eine junge Frau breitet ihre Arme aus und sagt etwas. Ich kann die Sprache nicht verstehen, aber sie möchte mich gern umarmen. Ich lasse es zu. Ich bin berührt davon, es gab mir Sicherheit, ja ich bin hier willkommen. Auch mit der Kutte, der inneren Gebrochenheit, den Zweifeln an mir, an dem was ich tue. Am Sinn des Ganzen.

-Alles darf, nichts muss sein. Das nehme ich mit. Wenn die Energie zu stark nach außen geht, immer wieder innehalten, fokussieren, zurücknehmen, stoppen und wahrnehmen.. weiterbewegen.

-Das Tempo ist auch ein wichtiger Faktor, wenn ich zu schnell bin, dann gelingt es nicht so gut, weil die Menschen eine gewisse Zeit benötigen, um zu erfassen, zu verarbeiten und dann gegebenenfalls reagieren zu können. Es sind ein paar Meter, die entscheiden, ob jemand „andockt“ oder nicht.

II

-Nachdem ich erst gerätselt hatte, ob und wie die Leute wohl auf uns reagieren würden, war innerhalb weniger Sekunden nach Start der Performance klar, dass sie reagieren würden und zwar sehr viel! Die ersten, die fast sofort auf uns reagierten, waren die türkischen Mitbürger, die gleich interessiert fragten und sich lobend und wertschätzend über die Aktion äußerten. Alle ersten Reaktionen kamen von ausländischen Menschen, was mich in so fern nicht wundert, da viele dieser Kulturen – wie z.B. die türkische – ja sehr viel offener und kommunikativer sind als die deutsche Kultur. Das bemerkten wir auch dahingehend, dass wir von Verkäufern aus türkischen Märkten Wegzehrung z.B. von ihrem Obststand überreicht bekamen oder dergleichen mehr.

-Ein Mann nahm nach kurzem Innehalten meine Schultern und beugte sich auf mich zu, als wolle er mich umarmen, und flüsterte mir ins Ohr: er fühle sich einsam, weil er gerade allein unterwegs sei. Dann ging er sofort weiter.

-Ein weiterer Mann kam ganz offensiv auf uns zu, als würde er zu einem Rednerpult gehen, blieb stehen, faltete die Hände und sagte: „Also, fangen wir mal an: Wir sollten auf diesen Planeten besser aufpassen. Z.B. Umweltschutz und Recycling.“ Dann zog er eine Streichholzschachtel aus der Brusttasche seines Hemdes, zog sie auf und entzündete ein bereits benutztes, zu zwei Drittel verkohltes Streichholz ein zweites Mal und ging weiter.

-Ein alkoholisierter Türke erzählte immer wieder, dass sein Sohn weiter die Straße runter wohnen würde und dessen Mutter seit seinem sechsten Lebensjahr verhindern würde, dass er ihn sehen kann. Der Sohn ist jetzt 15 geworden. Die Traurigkeit war deutlich in seinen Augen zu lesen.

-Ein alter, aber noch ziemlich aufgeweckter Mann erzählte uns eine halbe Stunde lang die Geschichte seines Lebens. Vom Aufwachsen zwischen DDR und Westen. Seiner Ehe, die nur zwölf Jahre hielt, weil er erkrankte und Frührentner mit Schwerbehinderung wurde, obwohl die Ärzte 20 Jahre lang nicht herausfanden, was er eigentlich hatte: Rheuma und Morbus Bechterew. Von seinen fünf Kindern, zu denen schon seit Jahrzehnten kein Kontakt mehr besteht, so dass er sogar seine Enkel nicht kennt. Vom Drogentod eines der Kinder. Vom Leben im Altersheim, dem wenigen Geld, vom „sich fit halten“ und davon, wie er sich seinerseits um alte Leute gekümmert hat und wohl immer noch kümmert.

-Eine ältere, verwirrt wirkende Frau, die am Sonntag vor der geschlossenen Bäckerei herumirrte, kam länger ins Erzählen: über die viel zu harte Arbeit in ihrem Leben, für die sie jetzt die Rechnung bezahlen müsse, die Knochen wollen nicht mehr. Ihren Mann muss sie versorgen und ist vom Einkaufen und Kochen immer völlig erledigt…Sie war sehr dünn und auch heruntergekommen. Sie muss aber eine schöne Frau gewesen sein, das sah man deutlich. Sie hatte immer noch schöne, gelb-graue Haare und ein feines Gesicht voller Falten. Dem sprachlichen Einschlag nach kam sie aus Köln und erzählte auch von dort einen Schwank. Währenddessen klang ihre Stimme manchmal auf einmal ganz aufgeweckt, klar und schön, sonst eher rauchig.

-Auffallend war außerdem, dass zu den unterschiedlichen Laufzeiten an den drei Tagen jeweils ganz andere Leute auf der Strasse waren.
Am Sonntagnachmittag zum Beispiel war die Karl-Marx-Straße ziemlich leer und es gingen dort eher Menschen, die einfach nur schnell von A nach B wollten, nach Hause oder jemanden besuchen. An diesem Tag wurden wir auch wesentlich weniger angesprochen und sind viel schweigend gegangen. Allerdings waren die Gespräche, die stattfanden auch um so intensiver, weil zum Beispiel der größere Anteil an gebrochenen Menschen am Sonntag durch die Straße irrte. Oder fielen sie nur mehr auf? Bekamen mehr Raum?

-Am Samstagabend war das ganze Party-Volk auf der Strasse und auch das Festival hatte sicher seinen Höhepunkt, was die Besucherzahl anging. An diesem Abend gab es viele Begegnungen, aber auch oft kürzere und auch wesentlich oberflächlichere oder ins Witzige gezogene Kommentare, bei denen auch wir selbst öfter lachen mussten.
Insgesamt war es sehr beeindruckend, wie offen und intensiv auf unsere Botschaft reagiert und eingegangen wurde.

http://www.48-stunden-neukoelln.de/de

2018-09-17T16:18:44+00:00
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