Performance by force / Art Festival Ortstermin Moabit / Berlin / 2016

with Katharina Philipp


Performance by force

Die Performance by force behandelt das Thema Gewalt so, dass das Publikum sie geradezu physisch erfahren kann. Einem der PerformerInnen werden jeweils die Augen verbunden, so dass er/sie damit den Gefahren und der Gewallt des jeweils anderen ausgesetzt ist. Nach einer halben Stunde findet ein Rollenwechsel statt. Es entwickelt sich zwischen den beiden PerformerInnen ein gefährliches Spiel, dass von Angst, Hoffnung, Aussichtslosigkeit, Ambivalenzen, Abhängigkeit, Machtgebaren, Leiden, Leid zufügen und Ungewissheit begleitet ist. Das Publikum erlebt das Geschehen als eine Gradwanderung, die auf zwiespältigem Terrain stattfindet. by force rückt dem Betrachter direkt auf die Haut und transportiert damit das Gewaltpotential von einem Problem ferner Länder ins unmittelbare persönliche Sichtfeld bis hin zur Frage nach der Gewalt im eigenen Leben. Die PerformerInnen bewegen sich im Rahmen der Performance-Zeiten in Richtung Stromstrasse und treffen zu jeder halben Stunde wieder am Kunstverein Tiergarten/Galerie Nord (Turmstraße 75) ein.

Rückschau
Katharina:
Grenzwertig.
Die Performance By Force ist in jeder Hinsicht grenzwertig gewesen.
Grenzwertig für mich persönlich: Opfer und Täter sein zerrt beider maßen an den Kräften – sowohl körperlich als auch mental. Als Opfer habe ich mich geschämt, was tue ich hier – ich will hier weg und kann es nicht. Als Täter war ich bestürzt über die Freude, die mir mein Tun machte.
Grenzwertig für die Passanten: Gewalt darstellen, künstlerisch in den öffentlichen Raum tragen – was soll das, wo doch eh schon so viel Gewalt da ist? Aber genau hier ist der Punkt – die Gewalt ist zwar da, aber sie ist für uns oft nicht sichtbar. Das, was wir nicht sehen, schützt uns vor Emotionen und Reaktionen, bewahrt uns vor dem Eingreifen. Mit by force haben wir ein Stück weit den Leuten die Augenbinde abgenommen – unser Auftreten hat zum Teil sehr heftige Reaktionen ausgelöst – Begeisterung haben wir nur bei einer anderen Performerin ausgelöst – Aber genau das ist es doch: Gewalt soll und muss Protest und Eingreifen auslösen!!! Es soll die Leute aufschrecken, ja sie sollen sich empören!!!
By Force
Samstagnachmittag, Turmstraße.
Bin Opfer, kann nichts sehen, werde herum geschupst, es wird an mir gezerrt, bin der Willkür des Täters ausgeliefert.
Nehme undeutlich die Stimmen der Passanten wahr: So ein Scheiß. Was soll das?
Wegsehen, weitergehen – immer weitergehen.
Einer greift ein, eine will den Arzt holen, die Polizei kommt.
Samstagnachmittag, Turmstraße.
Bin Täter, sehe, stoße und zerre, habe die Macht.
Höre die Stimmen: Hey was soll das? Hat er´s verdient – dann machen wir mit.
Das interessiert mich nicht, ich ziehe und zerre weiter.
Keiner greift ein, alle stehen nur da und glotzen.

Marion:
Mich haben am stärksten die Reaktionen der Leute beschäftigt. Meist spielt sich Gewalt ja nicht im öffentlichen Raum vor aller Augen ab, tut sie es, taucht dann zwangsläufig die Frage auf, wie sich diejenigen verhalten (haben/hätten müssen), die Zeugen dieser Gewalt werden – und daran anschließend, wie man sich selbst verhalten hätte. Meine Begleiterin war schockiert, dass abgesehen von einem jungen Mann aus einer Flüchtlingsgruppe und einem Mann mit Hund niemand aktiv einschritt, sondern mehr oder weniger entsetzt die Gewalt einer Frau gegenüber verfolgte (aus dem Rahmen fiel ein Busfahrer, der die Gewaltszene mit „Die Welt ist krank“ kommentierte, aber nicht etwa versucht war, einzugreifen, sondern lachte) – und dass die Reaktionen, als eine Frau einem Mann gegenüber gewalttätig war, komplett anders waren: kein Entsetzen, sondern Belustigung. Ich hatte aber das Gefühl, dass bei „echter“ Gewalt die Reaktionen doch anders gewesen wären, d.h. mehr Menschen eingegriffen hätten – weil ich neben Entsetzen auch Irritation wahrnahm: diese stumm leidende Frau, diese Lautlosigkeit, das wirkte gespenstisch und irreal. Und dann gab es auch noch die bedruckten Shirts und die zwei fotografierenden bzw. filmenden Menschen, die das Geschehen begleiteten und irgendwie „entschärften“. Nach meinem Eindruck schienen bei nicht Wenigen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischt: war das, was sich ihren Augen und Sinnen bot, ein Schauspiel oder „echt“? Manche fragten uns danach. Ich selbst wurde beim Anblick der an einen Laternenmast gefesselten Katharina an das Geschehen im sächsischen Arnsdorf erinnert, wo eine „Bürgerwehr“ einen irakischen Asylbewerber aus einem Supermarkt gezerrt, geschlagen und dann mit Kabelbinder an einen Baum gefesselt hat (was der Görlitzer Polizeipräsident für „sinnvoll“ hielt). Die Stimmung, die solche menschenverachtenden Taten ermöglicht, all die verbale Gewalt, die sich ausbreitet: das finde ich beängstigend. Eure Performance fand mitten im Leben statt, auf der Straße, vor den Augen ganz „normaler“ Menschen – nicht in einem geschützten (Kunst-)Raum, wo das Publikum entsprechend konditioniert ist. Hier wurden Menschen an einem wunderbaren Sommertag beim Einkaufen, beim Bummeln und Sitzen in Cafes plötzlich und unerwartet mit etwas konfrontiert, das ihr Treiben, ihre Ruhe störte. Und ich denke, das war ein ungeheuer kraftvoller „Einbruch“, der nachhallen wird. Bemerkenswert fand ich ein Pärchen, das an einer Imbissbude saß und bei Eurem Anblick den irritierten Gästen erläuterte, dass ein Kunstfestival stattfinde usw.. Diese beiden wirkten so, als würden sie vielleicht sogar zumindest zeitweilig auf der Straße leben. Man kann es ja manchmal erleben, dass Menschen im gesellschaftlichen Abseits Wahrnehmungsantennen haben und Dinge sehen/spüren, die vielen gar nicht mehr zugänglich sind. Einen mir wichtigen Aspekt habe ich noch gar nicht erwähnt: das (bewusste) Wegschauen, nachdem etwas Verstörendes aufgetaucht war. Leute bewegten sich auf der Turmstraße fort, alles wie immer, plötzlich dann diese hässliche gewalttätige Szene, die das Gewohnte durchbrach. Manche machten nach dem ersten Schrecken einen großen Bogen um Euch, so als würde auf diese Weise die Gewalt verschwinden, während sie doch nur aus dem eigenen Blickfeld geriet. Ganz zu Beginn der Performance hatte ich das Bedürfnis, ganz nah bei Euch zu sein, um das zu verhindern, was dann geschah. Ich fand es nicht leicht, Euch loszulassen, es einfach geschehen zu lassen, dass Gewalt Raum fand – und die Leute, wir selbst, dabei zusahen. ..Dass immer wieder die Frage „Was soll das?“ aufgetaucht ist, zeigt doch, dass by force die Menschen nicht kalt gelassen hat. Wäre das Thema Gewalt menschenfreundlicher „serviert“ worden, hätte das leicht zu einem netten Samstag/Sonntagnachmittagprogramm für die Turmstraße werden können. So hat das, was sich da völlig unvorbereitet vor den Augen dieser Menschen ereignet, doch tatsächlich etwas bewegt. Und es ging ja nicht darum, irgend etwas Spektakuläres zu bieten, irgendeinen Effekt zu erzielen, sondern Gewalt mittels Gewalt „sprechen“ zu lassen – und das eben nicht manipulierend, eine bestimmte Richtung vorgebend, sondern in einem offenen dynamischen Prozess (was durch die Straße, den offenen Raum, noch verstärkt wurde). Du schreibst, dass es Dir ums In-Bewegung-Setzen gehe und darum, das zu verstärken, was im Gegenüber bereits vorhanden sei: „was hier verstärkt wird bestimmt jeder selbst.“ Genau, und so sind dann auch die Reaktionen der Leute zu sehen; jeder reagiert auf das, was in ihm zum Klingen gebracht wurde. Und manch einer hat das vielleicht lieber nicht spüren wollen und deshalb grob ablehnend reagiert („So ein Scheiß!“). Ich fand es während der Performance nicht leicht, die Spannung auszuhalten, aber ich wollte es und habe diese Zerrissenheit auch anderen zumuten wollen (obwohl ich den Menschen in der Turmstr. gegenüber natürlich den Vorteil hatte, dass ich wusste, keine „echte“ Gewalt zu sehen). Ich habe noch immer eine (vermutlich arabische) Frau vor Augen, die entsetzt auf Euch starrte und die Szene kaum ertragen konnte. Einen kurzen Moment dachte ich, dass sie auf Euch zugehen könnte, aber sie betrat stattdessen die Straße, um so in einem großen Bogen Euch zu überholen. Was hat das Geschehen in ihr ausgelöst? Wie wirkt es in ihr nach? Wäre es besser gewesen, wenn sie erfahren hätte, dass es „nur“ Kunst gewesen sei, kein Ernst? Bei dem Kind war für mich klar, die Situation aufzulösen, was Susanne der Mutter gegenüber tat. Aber bei einem Erwachsenen? Wurde uns allen in der Turmstraße nicht ein Spiegel vorgehalten: Sieh dich an, was ist mir dir?

Marlies:
Sonntag – Erste runde Katharina das Opfer: Zwei Araber mittleren Alters sprechen mich auf Deutsch an. „Was soll das?“ Ich erkläre, dass es eine Kunstaktion ist, es geht um Gewalt als Fluchtursache. Das finden sie gut, wünschen uns Glück und sind auch erleichtert, denn sonst hätten sie eingreifen müssen. „In Deutschland gibt es ja keine Gewalt auf den Straßen. Die gehöre da nicht hin.“ Zwei andere junge arabische Männer sprechen mich auf Englisch an. „Was ist das?“ Ich erkläre wie oben. Auch sie finden das gut und wünschen uns Glück. Zwei Polizisten kommen gelaufen, rufen „Hey was ist hier los?“ Ich erkläre schnell, dass es eine Kunstaktion ist. Sie bleiben stehen, aber sprechen Katharina direkt an, ob alles in Ordnung sei, geben den Rat, das nächstes Mal solch eine Aktion anzumelden. Zweite Runde, Jens das Opfer: Auf dem Hinweg sprechen uns eine Gruppe türkischer Männer an, „was das soll“. Ich erkläre. Sie verstehen nicht wirklich, sagen, „dass es angemeldet werden muss, denn ihr seid vermummt“. Auf dem Rückweg, spricht mich eine andere Gruppe türkischer Männer an. Sehr aufgebracht, „was soll das?“. Ich erkläre, aber sie sind nicht einverstanden. Das wäre schlecht für die Kinder, wenn die das sehen, würden sie lernen so mit Frauen um zugehen. „In Deutschland soll es so was nicht geben auf der Straße. Das ist eine Schande.“ Er hat alles gefilmt und droht es ins Netz zu stellen, damit alle sehen, was in Berlin auf der Straße passiert. Er versteht nicht, was ich damit zu tun habe, warum ich hinterher gehe und warum ihr das so oft macht. Kurz vor der Galerie Nord, kurz vor Ende, steht eine alte Dame mit Rollator und ihrem jüngen Begleiter. Sie ist völlig außer sich, „was das soll, völlig geschmacklos, das geht zu weit“ etc. Ich erkläre, daraufhin der junge Mann, „bei der Generation läuft da viel ab, das können sie sich doch wohl vorstellen“. Die Frau geht weiter, dreht sich aber immer wieder um und scheint aufgeregt zu sein. Vor der Galerie geht auch eine Mutter mit einem kleinen Jungen vorbei (ca. 5 Jahre) er schaut, sie erklärt, dass die nur spielen, dass das nicht ernst ist.

Jens:
Ich bin noch immer im Performance-Modus wenn ich an „by force“ denke; daran, was mir durch den Kopf ging, was ich empfand. Erschrecken auch darüber, wie schnell mich in der Täterrolle eine Dynamik einnahm, während ich Gewalt ausübte. Eine Dynamik, die mich in ein Geschehen hineinzog, das so vordergründig wurde, so dass sich alles andere unterzuordnen schien. Und in der Rolle des Opfers hingegen schockierte mich, wie rasch die Erschöpfung über mich kam und mir alles egal wurde, während Zeit und Raum an Bedeutung verloren. Besonders haben mich auch noch andere Bemerkungen von Marion bewegt, die ich in ihrer Ausführlichkeit allerdings nicht zitiere, da es diesen Rahmen sprengen würde. Doch möchte ich zumindest einen Teil davon nicht unerwähnt lassen und mit in die Dokumentation hinein nehmen, stellen sie eine Verbindung her zwischen der Performance „by force“ und der dramatischen Vergangenheit des Schauplatzes unserer Aktion.

Marion:
..Später gingen wir noch ein bisschen an der Spree spazieren und sind dann noch zum Mahnmal in der Levetzowstr. gegangen, das an die zerstörte Synagoge und die Deportation von insgesamt mehr als 25 000 Juden erinnert, die von dort die knapp 3 Kilometer lange Strecke zum Güterbahnhof Moabit zurücklegen mussten (ich bin diese Strecke mal mit einer Bekannten gelaufen: sie zog sich quälend lang… Wie muss es erst den alten, kranken, schwachen und verängstigten Menschen ergangen sein, die sich mit ihren Habseligkeiten auf diesen Weg machen mussten). Auf einer Stahltafel sind die Daten eingestanzt: das Datum, die Anzahl der Menschen und das Lager, in das sie von diesem Ort zwischen August 1942 und Januar 1944 deportiert wurden. Manchmal fanden die Deportationen täglich statt:
1. März 1943: 1722
2. März 1943: 1756
3. März 1943: 1726
4. März 1943: 1120
Fast 2000 Menschen auf der Straße, nicht nur einmal, sondern an mehreren Tagen hintereinander, fast eineinhalb Jahre lang immer wieder Menschen an diesem Ort, die von dort drei Kilometer lang durch Wohngebiete liefen. Das geschah vor aller Augen. Wie viele haben das gesehen – und weggeschaut. Sich vom Leib gehalten, es verdrängt. ..da es sich um ein Moabiter Kunstfestival handelte, fand Eure Performance halt in Moabit statt, so könnte man das sehen, aber schon beim Lesen Deiner Einladung hatte ich das Gefühl, dass dieser Ort eine besondere Rolle spielen würde. Ich finde es immer wieder faszinierend welche Kraft von Orten ausgeht, wie sie sprechen, manchmal auch schreien, so als wollten sie ihr Geheimnis nicht länger verbergen.

> Ortstermin Website
> Programm Flyer.pdf

2018-09-17T16:21:35+00:00
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