project proposals


Installation Richtungen/Marienkapelle(St.Hedwig-Krankenhaus)/2004



Dr. Christine Goetz Kunstbeauftragte im Erzbistum Berlin


Zur geplanten Installation „Richtungen“ von Jens Reulecke für die Marienkapelle des St. Hedwig-Krankenhauses


Die Kapelle des St. Hedwig-Krankenhauses ist in ihrer heutigen Gestalt das Ergebnis mehrfacher, teilweise auch fragwürdiger und halbherziger Umgestaltungen. Charakteristisch für das heutige Raumbild ist eine gewisse Erstarrung wenn nicht sogar Sterilität, die dadurch entstanden ist, dass einzelne Elemente, alte und neuere, wie Einrichtungsgegenstände versatzstückartig addiert und summiert sind. Der Besucher, gläubig oder nicht, be- greift überdeutlich und geradezu didaktisch, was von ihm verlangt wird, statt sich er - greifen lassen. Jeder katholische Sakralraum sollte aber u.a. zum Ziel haben, dass im Besucher, gläubig oder nicht, ob während der Messe oder beim „touristischen“ Besuch, Ergriffenheit ausgelöst wird durch die visuelle Botschaft des Raumes, seine Stimmung, seine geheimnisvolle Aura.


Jens Reulecke macht mit seiner temporären Installation „Richtungen“ einen Vorschlag, der dazu beitragen könnte, in den erstarrten und spannungslosen Raum neues Leben und neue Energien hineinzutragen, ohne Hand an die bestehende Gestaltung der Kapelle zu legen. Der Künstler schlägt ein Netzwerk aus leuchtend grünen Seilen vor, das hoch über den Köpfen der Besucher den Raum vielfältig durchkreuzt. Diese Kraftlinien sprengen die strenge achsiale Gerichtetheit des Raumes, erzeugen die Wahrnehmung von Weite, Dynamik und eine gewisse Leichtigkeit und vielleicht auch Freiheit. Gleichzeitig greifen die grünen Seile auf prägnante Weise das leuchtende Strahlenbündel im großen Maßwerkfenster des Altarraums auf und finden damit Anschluß an ein zentrales Bildmotiv in dieser Kapelle. Die Strahlkräfte des hl. Geistes werden so aus der Bindung an die Zweidimensionalität der farbigen Fensterfläche gelöst, geraten in die Dreidimensionalität und laden so den Raum mit Spannung auf. Insgesamt könnte so eine Dynamisierung des sakralen Raumes entstehen, den der Titel der Installation auch erkennen läßt - „Richtungen“.


Zwischen Kirchenraum und Kirchenbesucher könnte durch Reuleckes Installation eine neue lebendige Beziehung entstehen, ein Ergriffensein, eine heilsame und geheimnisvolle „Irritation“. Dies könnte der Marienkapelle im St. Hedwigs-Krankenhauses und ihren Besuchern gut tun.


Mai 2004